Warum wir unsere Server für Klimaforschung nutzen

16.05.2026 - David Bongard in Agentur-News

Wer eine Webagentur betreibt, betreibt zwangsläufig auch intern genutzte Infrastruktur. Server, die Entwicklungsumgebungen für die Applikationsentwicklung bereitstellen, Deployments testen und Build-Prozesse abwickeln. Diese Server laufen kontinuierlich – nicht weil sie ständig gebraucht werden, sondern weil Verfügbarkeit keine Pause kennt.

Infrastruktur im Leerlauf

Das führt zu einer Eigenheit, die in der Branche kaum diskutiert wird: Entwicklungsserver sind strukturell unterausgelastet. Ein Dev-Server wartet auf Anfragen, die unregelmäßig kommen – ein Entwickler führt ein Deployment durch, testet eine Funktion, startet einen Build-Prozess. Dazwischen: nichts. Die CPU sitzt idle, der Arbeitsspeicher ist reserviert, der Server läuft trotzdem. Das ist kein Zeichen mangelnder Auslastung des Teams, sondern die normale Betriebslogik: Kapazität muss bereitstehen bevor sie gebraucht wird, nicht erst wenn der Bedarf entsteht.

Bei unserem Entwicklungsserver liegt die tatsächliche CPU-Auslastung durch reguläre Arbeitsprozesse im Schnitt unter zehn Prozent. Die restlichen neunzig Prozent sind technisch verfügbar – und wurden bislang schlicht nicht genutzt.

Rechenleistung mit Sinn

Das hat uns irgendwann beschäftigt, weil die naheliegende Folgefrage lautet: Wofür könnte diese Kapazität sinnvoll eingesetzt werden, ohne den Betrieb zu gefährden?

Die Antwort, auf die wir gestoßen sind, heißt BOINC – Berkeley Open Infrastructure for Network Computing, ein System das ursprünglich an der University of California, Berkeley entwickelt wurde und heute von Millionen Computern weltweit genutzt wird. Das Grundprinzip ist technisch simpel: BOINC läuft im Hintergrund, nutzt Rechenkapazität die gerade nicht anderweitig gebraucht wird, und schickt die Ergebnisse automatisch an Forschungsprojekte zurück. Sobald der Server reguläre Last bekommt, tritt BOINC zurück. Es gibt keine manuelle Koordination, keinen Eingriff in den normalen Betrieb.

Ökostrom als Voraussetzung

Wichtig war uns dabei die Frage nach dem Stromverbrauch – denn zusätzliche Rechenlast bedeutet auch zusätzlichen Energiebedarf. Unsere Server laufen beim Profi-Hoster Hetzner in Deutschland, und Hetzner bezieht seinen Strom zu 100% aus erneuerbarer Wasserkraft. Der ökologische Fußabdruck der zusätzlichen Rechenlast ist für uns damit vertretbar: wir verbrauchen etwas mehr Strom, aber keinen fossilen.

Die gewählten Projekte im Detail

Für die Auswahl der Projekte haben wir uns an inhaltlichen Schwerpunkten orientiert. Drei sind es derzeit:

Climate Prediction ist ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer europäischer Universitäten, darunter Oxford und Reading. Es berechnet Klimamodelle – konkret Simulationen darüber, wie sich verschiedene Szenarien auf das globale Klima auswirken. Klimamodellierung ist rechenintensiv und profitiert direkt von verteilter Rechenkapazität, weil mehr Simulationen gleichzeitig laufen können und damit die statistische Basis der Forschung wächst.

World Community Grid wird von IBM betrieben und bündelt Rechenkapazität für eine breitere Palette wissenschaftlicher Projekte – medizinische Forschung, Projekte zur Entwicklung klimaresistenter Nutzpflanzen, Analysen zu vernachlässigten Tropenkrankheiten. Der Ansatz ist generalistischer als Climate Prediction, aber die Qualität der angeschlossenen Projekte ist hoch und die Auswahl der Forschungsfelder ist transparent dokumentiert.

Einstein@home wertet Messdaten von Gravitationswellendetektoren und Radioteleskopen aus, auf der Suche nach bisher unentdeckten Pulsaren und anderen astrophysikalischen Phänomenen. Das ist keine angewandte Forschung im engeren Sinne, aber Grundlagenforschung dieser Art hat historisch immer wieder zu Erkenntnissen geführt, deren praktische Relevanz erst Jahre später sichtbar wurde.

Unser Fazit

Was uns an diesem Setup überzeugt, ist dass es keine symbolische Geste ist. Die Rechenkapazität der Hardware wäre sonst tatsächlich ungenutzt, der Strom ist erneuerbar, und die Projekte haben echten wissenschaftlichen Wert. Wir schreiben darüber weil Nachhaltigkeit für uns kein Beiwerk ist, sondern gelebter Teil unserer Werte – und weil wir hoffen, dass andere Agenturen mit ähnlicher Infrastruktur die gleiche Frage stellen. Die Antwort ist unkomplizierter als sie klingt.

Wer das technisch selbst umsetzen möchte, findet im zweiten Teil dieser Serie eine Anleitung für die Einrichtung auf einem Ubuntu-Server mit sinnvollen Ressourcenlimits für den Produktionsbetrieb.

David Bongard

Zum Autor - David Bongard

David Bongard baut seit 1998 Websites – erst als Web-Entwickler, seit 2014 als Agenturleiter und CTO von Resonanz Digital in Wien. Mit seinem Team entwickelt er individuelle Webanwendungen und E-Commerce-Lösungen für Unternehmen mit anspruchsvollen digitalen Anforderungen – von der Konzeption über die Umsetzung bis zur Betreuung im laufenden Betrieb.