Mitte September trafen sich in Amsterdam Entwickler:innen, Plattformbetreiber und Unternehmen, die KI-Agenten nicht mehr nur ausprobieren, sondern im Alltag betreiben. Die AGNTCon + MCPCon Europe fand am 17. und 18. September in der RAI Amsterdam statt, organisiert von der Agentic AI Foundation unter dem Dach der Linux Foundation. Wir waren vor Ort, um zu verstehen, wohin sich das Thema bewegt, abseits von Hype-Schlagzeilen und Produktankündigungen.
Vorweg: Nicht alles, was wir gehört haben, wird morgen relevant. Aber einige Entwicklungen betreffen ziemlich direkt das, womit wir täglich arbeiten: Websites, Web-Applikationen und die Frage, wie Menschen (und zunehmend auch Maschinen) sie benutzen.
Kurz erklärt: MCP und warum eine Stiftung dahintersteht
Das Model Context Protocol (MCP) ist ein offener Standard, über den KI-Anwendungen wie Claude oder ChatGPT mit externen Werkzeugen, Daten und Diensten sprechen. Man kann es sich als gemeinsame Sprache vorstellen, mit der ein KI-Assistent eine Anwendung fragt „Was kannst du?“ und dann „Mach das bitte“.
Ursprünglich stammt MCP von Anthropic. Im Dezember 2025 hat Anthropic das Protokoll an die Agentic AI Foundation (AAIF) übergeben, einen Fonds unter der Linux Foundation, gegründet gemeinsam mit Block und OpenAI und unterstützt von Google, Microsoft, AWS, Cloudflare und Bloomberg. Neben MCP liegen dort auch das Agenten-Framework goose und AGENTS.md, ein Standard, der Coding-Agenten projektspezifische Hinweise für ein Repository mitgibt (Linux Foundation).
Warum ist das wichtig? In der Eröffnungs-Keynote wurde der Vergleich mit dem Stromnetz gezogen: Wenn Agenten künftig Transaktionen und Entscheidungen übernehmen, sollte die Infrastruktur dafür nicht einer einzelnen Firma gehören. Für Agenturen wie uns bedeutet eine neutrale Verwaltung vor allem Planungssicherheit. Wer Know-how in MCP aufbaut, setzt eher auf einen Standard als auf einen Anbieter.
Die neue Tür: Websites, die Agenten Werkzeuge anbieten
Das für uns spannendste Thema hieß WebMCP. Bisher „bedienen“ KI-Agenten Websites, indem sie Seiten lesen, Screenshots interpretieren und Knöpfe suchen. Das ist fehleranfällig und teuer. WebMCP dreht das um: Eine Website veröffentlicht strukturierte Werkzeugbeschreibungen, und der Agent ruft sie mit klar definierten Parametern auf, statt sich durch die Seite zu tasten.
Besonders elegant ist die deklarative Variante, bei der schlicht ein bestehendes HTML-Formular zum Werkzeug wird. Ein Beispiel aus einem der Talks:
<form toolname="createSupportTicket"
tooldescription="Create a support ticket"
toolautosubmit>
<input name="issue">
</form>
Name, Zweck, Parameter: Mehr braucht es nicht, damit ein Agent versteht, was dieses Formular tut. Die Attribute toolname, tooldescription und toolautosubmit registrieren Aktionen, die KI-Agenten im Browser aufrufen können (Web Features Explorer). toolautosubmit legt dabei fest, ob der Agent das Formular selbst abschicken darf oder ob ein Mensch bestätigt. Anders als klassisches MCP läuft WebMCP komplett im Browser: Die Werkzeuge nutzen die Sitzung, in der die Person ohnehin eingeloggt ist, und der Browser regelt, was der Agent darf.

Josho Brouwers und David Bongard auf der AGNTCon + MCPCon Europe 2026
Eine ehrliche Einordnung gehört dazu: WebMCP ist noch sehr früh. Die Spezifikation wurde von der Web Machine Learning Community Group veröffentlicht und ist weder W3C-Standard noch auf dem Weg dorthin. Chrome hat derzeit die einzige funktionierende Implementierung hinter einem Feature-Flag; Microsoft hat an der Spezifikation mitgeschrieben, von Mozilla und Apple gibt es keine veröffentlichten Zeitpläne. Es gibt auch Kritik am Verfahren: Mitglieder der Community Group berichten, sie hätten von WebMCP aus der Presse erfahren, und stellen die Frage, ob die Chrome-Implementierung unabhängig vom Community-Prozess zum De-facto-Standard wird (WebMCP Technical Notes).
Trotzdem: Die Idee, dass eine Website neben ihrer Oberfläche für Menschen auch eine saubere Schnittstelle für Agenten anbietet, dürfte bleiben, egal wie die Details am Ende aussehen.
Die letzte Meile: Wer gestaltet, was Nutzer:innen am Ende sehen?
In der Keynote „Three Doors to One Tool: MCP vs WebMCP vs CLI“ von Frédéric Barthelet (Alpic) und Dominic Farolino (Google) ging es um die Last Mile, also den Moment, in dem ein Ergebnis bei der Person ankommt. Sie unterschieden drei Varianten:
- Kein Interface: Der Agent handelt selbst, die Person bekommt bestenfalls eine Textnachricht.
- Aggregierte Oberfläche: Die Chat-Plattform baut aus verschiedenen Quellen eine eigene Darstellung, etwa eine Rezeptkarte.
- Branded UI: Der Anbieter liefert seine eigene Oberfläche direkt in den Chat, mit eigenem Look und eigener Logik.
Der Unterschied ist für Marken erheblich. Wer keine eigene Oberfläche mitbringt, wird zur austauschbaren Datenquelle für die Plattform.
Möglich macht die dritte Variante MCP Apps. Seit Jänner 2026 ist MCP Apps die erste offizielle Erweiterung des Protokolls: Werkzeuge können interaktive Oberflächen wie Dashboards, Formulare oder mehrstufige Abläufe direkt im Gespräch anzeigen. Diese Oberflächen laufen in einem abgeschotteten iframe, und jede Aktion, die aus der Oberfläche heraus ausgelöst wird, durchläuft denselben Prüf- und Zustimmungsweg wie ein direkter Werkzeugaufruf (MCP Blog). Unterstützt wird das inzwischen unter anderem von ChatGPT, Claude und GitHub Copilot Chat in VS Code. Wie verschiedene Ansätze für solche Agenten-Oberflächen (AG-UI, A2UI, MCP Apps) zusammenspielen, zeigte Manfred Steyer von Angular Architects in einem eigenen Talk.
Aus dem Keynote-Tag haben wir uns eine Formel mitgenommen: UX = AX + UAX. Agent Experience (AX) beschreibt, wie gut ein Agent ein Produkt versteht und bedienen kann, also saubere Schnittstellen und Werkzeuge. User-Agent Experience (UAX) beschreibt, was der Mensch am Ende sieht, versteht und entscheidet. Auf einer Folie hieß es dazu treffend: „Headless, but with a human eye at the end.“ Anders gesagt: Auch wenn die Website nicht mehr der einzige Zugang ist, schaut am Ende immer ein Mensch auf das Ergebnis und muss ihm vertrauen können. Das ist nicht nur eine Entwicklungs-, sondern auch eine Gestaltungsaufgabe.
Und WordPress?
Als WordPress-Agentur haben wir natürlich darauf geachtet, wo unser wichtigstes System steht. Die gute Nachricht: WordPress bewegt sich in dieselbe Richtung. Seit Version 6.9 ist die Abilities API Teil des WordPress-Kerns, eine Art Verzeichnis, in dem Plugins und Themes beschreiben, was sie können. Der vom WordPress-AI-Team gepflegte MCP Adapter übersetzt diese Fähigkeiten in MCP-Werkzeuge, die externe KI-Agenten finden und aufrufen können (Learn WordPress).
Sympathisch ist der vorsichtige Grundansatz: Fähigkeiten sind standardmäßig nicht über MCP erreichbar und müssen bewusst als öffentlich markiert werden. Welche Funktionen einer Website Agenten zur Verfügung stehen sollen, ist damit eine aktive Entscheidung, keine Nebenwirkung eines Plugin-Updates.
Mehr als Technik: Wie Agenten die Entwicklungsarbeit verändern
Ein zweiter roter Faden der Konferenz betraf nicht die Websites, sondern die Arbeit an ihnen. Der Talk „Pull Requests Are Dead, Long Live Peer Review“ von Dylan Ratcliffe (Overmind) brachte das auf den Punkt: Wenn Coding-Agenten die Umsetzung übernehmen, verschiebt sich die menschliche Arbeit nach vorne, zu Recherche, Konzeption und Planung. Das Review wandert vom fertigen Code zum Plan. Menschen entscheiden vorab über Ansatz und Abwägungen, und der Plan wird zum Maßstab, an dem die Umsetzung geprüft wird. Overmind entwickelt dafür das Werkzeug Until, das die Umsetzung eines Agenten so lange gegen den vereinbarten Plan abgleicht, bis alle wesentlichen Abweichungen geklärt sind.
Andere Talks ergänzten das aus Organisationssicht. Booking.com berichtete, wie aus ersten MCP-Experimenten eine unternehmensweite Infrastruktur wurde. Thomas Schöne sprach in „90 Days To Agentic Engineering“ darüber, wie Teams Regeln für Agenten pro Projekt festhalten. Und Liran Tal (Snyk) erinnerte zum Abschluss daran, dass auch von Agenten geschriebener Code deterministisch geprüft werden muss, etwa durch automatische Sicherheitsscans, die fest in den Ablauf eingebaut sind. Mehr Tempo ersetzt keine Qualitätssicherung, es macht sie eher wichtiger.
Ausblick: Was sich daraus ableiten lässt
Was nehmen wir mit? Ein paar vorsichtige Thesen:
- Websites bekommen eine zweite Zielgruppe. Neben Menschen werden Agenten zu Besuchern. Strukturierte Daten, saubere Formulare und klare Schnittstellen dürften ähnlich wichtig werden, wie es Suchmaschinenoptimierung vor zwanzig Jahren wurde.
- Standards konsolidieren sich, aber langsam. MCP ist unter neutraler Verwaltung und wird erwachsen. Die kommende Spezifikation 2026-07-28 bringt unter anderem einen zustandslosen Protokollkern, ein Erweiterungs-Framework und eine formale Deprecation-Policy. WebMCP dagegen ist noch Experiment, und ob Firefox und Safari mitziehen, ist offen.
- Die Marke wandert mit in den Chat. Wer nur Daten liefert, verliert die Gestaltung des Erlebnisses an die Plattform. Eigene Oberflächen im Chat werden deshalb zur Designfrage.
- Die Website verschwindet nicht. „Chat is the new UI“ ist ein starker Satz, gilt aber nicht für alle Zielgruppen gleich. Gerade im B2B-Umfeld oder bei älteren Nutzer:innen wird die klassische Website noch lange der Hauptkanal bleiben.
- Offene Protokolle sind keine Garantie gegen Konzentration. Auch das offene Web hat große Plattformen hervorgebracht. Neutrale Standards verhindern nicht, dass sich Macht eine Ebene darüber sammelt, etwa bei den Anbietern der großen Agenten.
Wir werden die Entwicklung weiter beobachten, und manches davon sicher auch ausprobieren. Die Aufzeichnungen der Sessions sollen nach der Konferenz verfügbar sein; wer tiefer einsteigen will, findet das vollständige Programm auf der Sched-Seite der Konferenz.
Wenn Sie wissen möchten, was diese Entwicklungen für Ihre Website oder Web-Applikation bedeuten könnten, sprechen Sie uns gerne an.
Quellen und weiterführende Links
- AGNTCon + MCPCon Europe 2026: Programm
- Anthropic: Donating the Model Context Protocol and establishing the Agentic AI Foundation
- Linux Foundation: Gründung der Agentic AI Foundation
- WebMCP-Spezifikation (W3C Web Machine Learning Community Group)
- Web Features Explorer: Deklaratives WebMCP
- W3C AIKR Community Group: WebMCP Technical Notes
- MCP Blog: MCP Apps
- MCP Blog: Release Candidate der Spezifikation 2026-07-28
- WordPress MCP Adapter (GitHub)
- Learn WordPress: The MCP Adapter
